Kurze Einführung
Welche Farbe hat das A?
Synästhesie heißt gleichzeitige Wahrnehmung verschiedener Sinne. Es gibt Menschen, die diese Fähigkeit in sich tragen und deren Erleben durch diese Sinnesverschmelzungen geprägt ist.
Es gibt verschiedenste Arten von Synästhesien[1]. Nicht jeder Synästhetiker muss zwingend alle verschiedenen Verkopplungen haben. Zu den häufigsten Typen zählt die graphemische Synästhesie. Es handelt sich hierbei um die unfreiwillige Assoziation von Farben zu einzelnen Buchstaben und Zahlen, welchen von gewissen „Synnies" sogar ein Charakter oder ein Geschlecht zugeordnet wird.
Ebenso ist die Kalender-Synästhesie häufig anzutreffen. Abstrakte Zeitbegriffe wie ‚Woche' oder ‚Jahr' werden als Form gesehen, z.B. ein 3-Dimensionales Oval, an welchem sich ein Synästhetiker zeitlich orientieren kann.
Musiksynästhesien kommen ebenfalls relativ häufig vor. So wird Musik in Formen und Farben gesehen, sie kann aber auch einen Geschmack und eine Oberfläche haben.
Der Mensch hat verschiedene sinnesphysiologische Wahrnehmungen, wie die klassischen 5 Sinne (Exterozeption), die relative Lage des Körpers (Propriozeption), wie auch das Wahrnehmen der Eingeweide (Enterozeption). Dazu kommen auch Zeit-, Sprach-, Schmerz- und Temperaturwahrnehmung. Es gibt daher eine riesige Anzahl an möglichen Synästhesien.
Synästhesie
In den letzten Jahren ist ein breites Interesse an dieser Thematik aufgekommen. Die Forschung beleuchtet neurologische, wie auch psychologische Aspekte der Synästhesie. Früher wurde Synästhesie noch zu unrecht in die Sparten ‚Krankheit', ‚Esoterik' oder ‚Drogenmissbrauch' abgetan. Glücklicherweise sind diese Zeiten vorbei, denn es wurde gezeigt, dass die Synästhesie real ist. Es ist ein weit verbreitetes und wahrscheinlich nicht nur bei Menschen auftretendes Phänomen.
Sicherlich, jeder Mensch kann sich zu Musik aktiv Bilder, wie einen Wald, vorstellen. Es gibt aber einige Kriterien, mit welchen man die echte (genuine) Synästhesie erkennt. So ist genuine Synästhesie unfreiwillig, und kann, bei bewusster Wahrnehmung eines Stimulus, nicht abgeschaltet werden. Des Weiteren sind synästhetische Bilder abstrakt und können kaum oder gar nicht in Worte gefasst werden. Synästhetische Wahrnehmung ist konstant. Erlebte Farben bei der Betrachtung werden immer in etwa die gleichen bleiben. Synästhesie ist unidirektional; eine Zahl wird immer die gleiche Farbe auslösen. Die Betrachtung einer Farbe wird aber nicht die Assoziation einer Zahl hervorbringen. Synästhetiker sind oft kreativ und musisch veranlagt.
Neuere genetische Untersuchungen in Familien mit gehäufter Anzahl von Synästhetikern haben gezeigt, dass Synästhesie vererbbar ist. Man hat Orte auf verschiedenen Chromosomen gefunden, welche für Synästhesie verantwortlich sein könnten. Genetik allein macht Synästhesie aber nicht aus. Die Frage, was Synästhesie auf neuronaler Ebene genau ist, ist noch nicht ganz geklärt, doch es zeigt sich, dass spezifische Verbindungen zwischen verschiedenen Hirnarealen die Ursache für die Sinnesverschmelzungen sein könnten. Man nimmt aber an, dass Synästhesie das Resultat von zu wenig neuronaler Inhibierung (Unterdrückung) in der frühkindlichen Phase sein könnte, denn in dieser Phase überlappen sich die Hirnareale und sind noch ausdifferenziert.
Synästhesie erleben.
Vor einigen Jahren ging man noch davon aus, dass Synästhesie etwas Besonderes und Seltenes sei. Neuere Untersuchungen zeigen aber, dass Synästhesie relativ häufig vorkommt. So wird geschätzt, dass jeder 23. bis zu jeder 10. Mensch ein Synästhetiker sei. Trotz des häufigen Vorkommens merken viele Synnies nichts von ihrer Zusatzwahrnehmung, da sich die Synästhesie hauptsächlich im Unterbewusstsein abspielt. Erst wenn man sich konzentriert und bewusst auf eine Wahrnehmung einlässt, erkennt man die synästhetischen Aspekte.
Manche Synästhetiker merken, dass da was anders ist als bei anderen Menschen, und sind dann sehr erleichtert, wenn sie erfahren, dass dieses „Anderssein" einen Namen hat. Ebenso gibt es Synnies, die weder synästhetische Farben noch Formen erlebt haben, bevor man sie nicht darauf hingewiesen hat. Die Tatsache, dass man Synästhetiker ist, heißt nicht, dass man das weiß. Manche Menschen haben auch schlechte Erfahrungen gemacht, wenn sie sich anderen gegenüber erklärten. Deswegen sind eine breite Aufklärung und soziale Interaktionen in Bezug auf dieses Thema unerlässlich.
Synästhesie und Didaktik
Das mediale Interesse an Synästhesie ist in letzter Zeit sprunghaft angestiegen. Doch ist Synästhesie und die „synästhetische Förderung" von synästhetisch begabten Kindern immer noch kein bildungspolitisches Thema. Ein Beispiel für die Nichtberücksichtigung synästhetisch begabter Schüler im Unterricht sind die bunten „Zahlenstäbchen" die benutzt werden, um Kindern das Rechnen beizubringen. Sie sind für Synästhetiker sehr irritierend, da sie sich mit „falschen Zahlenfarben" auseinandersetzen müssen.
Die Einbeziehung von verschiedenen Synästhesien in die Didaktik wirkt sich positiv auf den Lerneffekt des Schülers aus, da die vorhandenen Sinnesverkopplungen bewusst genutzt werden. Diese Tatsache eröffnet vielfältige Ansätze für die Gestaltung von Unterricht. (MJM)
Text basiert, sofern nicht anders angegeben, auf dem Essay „Synaesthesia and Learning"[2]
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1. Mächler M-J. Synaesthesia and Learning; a differentiated view of synaesthetic perceptual awareness. Zürich: Swiss federal institute of technology Zurich; 2009.
2. Day S. Synesthesia. http://home.comcast.net/~sean.day/Synesthesia.htm
