Mythen und Fakten
Schlüsse über Synästhesie zog man lange Zeit dadurch, dass man einige wenige Synästhetiker genau über ihr Wesen und ihre Wahrnehmung ausfragte. Leider wurden damit viele Aussagen über Synästhesie und Synästhetiker und ihre Eigenschaften gemacht, welche noch heute vereinzelt zu lesen sind.
Heutzutage gibt man mehr Gewicht auf empirische Forschung, welche mit einer „großen" Anzahl Synästhetiker wie auch Nicht-Synästhetiker in der Kontrollgruppe durchgeführt wird.
Hier eine Auswahl von veralteten Ansichten, welche in den letzten Jahren verworfen oder zumindest in Frage gestellt wurden.
Synästhesie ist eine Krankheit
Fakt ist, dass Synästhesie ein Wahrnehmungsbonus ist. Von Krankheit kann gar keine Rede sein. 71% der befragten Synästhetiker äußerten sich positiv darüber, Synästhesie zu haben[1].
Synästhesie ist selten.
Diese Aussagen basieren auf ziemlich willkürlichen Schätzungen einiger Forscher. Neuere Untersuchungen zeigen, dass ca. 5% der Bevölkerung Synästhetiker sind[2]. Es könnten aber auch mehr sein.
Synästhesie wird X-Chromosomal vererbt.
Eine neue, sehr interessante Genetik-Studie aus England widerspricht dem: Mehrere Familien mit Synästhesie wurden „gescannt". Es wurden verschiedene Ort auf den Chromosomen 2, 5, 6, und 12 Gene oder „Genregionen" entdeckt, welche für Synästhesie verantwortlich zu sein scheinen. Es sieht also so aus, dass alles viel komplexer, als man anfänglich gedacht hat. Das X-Chromosom scheint keinen Einfluss zu haben[13].
Synästhetiker sind häufiger linkshändig[3].
Neuere Studien zeigten keinen unterschiedlichen Anteil an Linkhändigkeit unter Synästhetikern im Vergleich zu Nicht-Synästhetikern[4].
Synästhetiker sind kreativer.
Man hat mittels Experimenten gemessen, dass manche Synästhetiker bei gewissen Kreativitäts-Tests ein wenig besser abgeschnitten haben[5] . Außerdem wurde gezeigt, dass Synästhetiker häufiger einen künstlerischen Beruf ausüben[1]. Ebenso wurde festgestellt, dass der Anteil an Synästhetikern an Kunstschulen höher als in der durchschnittlichen Bevölkerung liegt[6]. Dennoch ist es generell heikel, dies auf alle Menschen mit Synästhesie zu übertragen. Auch hier braucht es weitere Studien.
Synästhetiker haben ein besseres Gedächtnis.
In einer Studie haben die Synästhetiker nicht besser abgeschnitten als die Nicht-Synästhetiker[7]. In einer anderen Studie hatten die Synästhetiker einen leichten Vorteil in den Gedächtnisexperimenten. Diese waren aber nur auf Aufgaben beschränkt, die direkt mit Synästhesie zu tun haben, beispielsweise Wörter lernen[8]. Man kann die Synästhesie bedingt als mnemonische Technik gebrauchen, um einen besseren ‚Lern-Erfolg' zu erreichen.
Synästhetiker sind besser in Mathematik.
Manche Synästhetiker sind gut in Mathematik, andere nicht[9]. Demnach ist es nicht möglich, Synästhetiker zu generalisieren, da sie individuell sehr unterschiedlich sind.
Synästhetiker haben hellseherische Fähigkeiten[3].
Für diesen Mythos gibt es keine wissenschaftlichen Support[1].
Synästhetiker verwechseln links und rechts, Synästhetiker haben Mühe in der Orientierung[3].
Diese Vermutung wird zwar von einer Studie unterstützt[1], dennoch kann man sagen, dass diese Aussagen nicht für alle Synästhetiker zutreffen. Deswegen sollte man mit Generalisierungen vorsichtig sein.
Es gibt mehr Frauen mit Synästhesie als Männer.
In der Literatur findet man hierzu verschiedenste Angaben. Einige reden von einem Verhältnis von 6:1[10], andere von 2:1[11], und wiederum andere haben in ihren Studien keinen Unterschied der Geschlechter gefunden[2]. Es wird argumentiert, dass Frauen sich häufiger für Synästhesie interessieren und darum auch häufiger an Studien teilnehmen. Die Frage bleibt also ungeklärt.
Synästhetiker nehmen ihre Synästhesie die ganze Zeit wahr.
Das stimmt so nicht. Wie stark man die Synästhesie wahrnimmt, hängt vom synästhetischen Wahrnehmungsbewusstsein ab. Es kann darum sein, dass ein Mensch mit Synästhesie gar nichts davon merkt, oder die synästhetische Wahrnehmung nur sporadisch beachtet[12].
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1. Rich AN, Bradshaw JL, Mattingley JB: A systematic, large-scale study of synaesthesia: implications for the role of early experience in lexical-colour associations. Cognition 2005, 98(1):53-84.
2. Simner J, Mulvenna C, Sagiv N, Tsakanikos E, Witherby SA, Fraser C, Scott K, Ward J: Synaesthesia: The prevalence of atypical cross-modal experiences. Perception 2006, 35(8):1024-1033.
3. Cytowic RE: Synaestesia: A Union of the Senses. New York: Springer; 1989.
4. Rich A: A union of senses or a sense of union? Cortex 2006, 42:444-456.
5. Ward J, Thompson-Lake D, Ely R, Kaminski F: Synaesthesia, creativity and art: What is the link? British Journal of Psychology 2008, 99:127-141.
6. Domino G: Synesthesia and Creativity in Fine Arts Students: An Empirical Look. Creativity Research Journal 1989, 2:p17-29.
7. Rothen N, Meier B: Do Synesthetes Have a General Advantage in Visual Search and Episodic Memory? A Case for Group Studies. in press.
8. Yaro C, Ward J: Searching for Shereshevskii: What is superior about the memory of synaesthetes? Quarterly Journal of Experimental Psychology 2007, 60(5):681-695.
9. Ward J: The Frog who Croaked Blue: Synesthesia and the Mixing of the Senses: Routledge; 2008.
10. BaronCohen S, Burt L, SmithLaittan F, Harrison J, Bolton P: Synaesthesia: Prevalence and familiarity. Perception 1996, 25(9):1073-1079.
11. Mächler MJ: Ein erklingend Farbenspiel; von dem Phänomen der Synästhesie ansich und deren Einfluss auf Goethe. In. Zurich; 2004.
12. Mächler M-J: Synaesthesia and Learning; a differentiated view of synaesthetic perceptual awareness. In. Zürich: Swiss federal institute of technology Zurich; 2009.
13. Asher JE, Lamb JA, Brocklebank D, Cazier JB, E. M, L. A, Sen M, Baron-Cohen S, Monaco AP: A Whole-Genome Scan and Fine-Mapping Linkage Study of Auditory-Visual Synesthesia Reveals Evidence of Linkage to Chromosomes 2q24, 5q33, 6p12, and 12p12. The American Journal of Human Genetics 2009, 84:279-285.